2011/1 Constanta (RO) – Vidin (BG)

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Von Riesengullideckeln, Pferdewagen und Ziegenhirten.

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Vorweg: Mein Bericht ist nur am Anfang so ausführlich. Also keine Angst, ich habe nicht jeden Tag so viel geschrieben…. Jedenfalls viel Spass beim Lesen!

9. Juli: Othmarsingen – Stuttgart – Constanta Hinflug

10. Juli: Constanta Stadtbesichtigung

Nach dem Kirchengang (wir waren sehr neugierig, wie „NAK“ in Rumänien so ist) in Constanta bieten Alexandra und ihre Mutter uns eine Stadtführung an. Eine Stadtbesichtigung steht sowieso auf dem Nachmittagsprogramm und so nehmen wir dankend an. Was uns auffällt: viele verfallene Gebäude, in deren Mauern sich der Müll stapelt. Nicht schön… Alles andere ist einfach da, aber eben untouristisch und oft heruntergekommen. Man sieht bei einigen Gebäuden, dass sie einmal schön waren.
Nach einem herzlichen Abschied und Freude über die Begegnung auf beiden Seiten gehen wir zurück ins Hotel, um die Velos zusammenzubauen. Sie stehen immer noch in Kartons eingesperrt im Zimmer, das innerhalb kürzester Zeit zur Werkstatt wird. Nach zwei Stunden ist alles montiert und gepackt. Es kann also losgehen.

11. Juli: Constanta – Nähe Lipnita (RO) 104 km

Wir starten um halb sieben, um 1. der Hitze des Tages voraus zu sein und 2. der Rushhour in Constanta zu entgehen. Der Plan geht auf. Gott sei Danke erwischen wir auf dem Weg „nach draussen“ keine der Gullilöcher, die gut ½ Meter tief sind. Wer so einen erwischt, kann sein Velo verschrotten und sich selbst im schlimmsten Fall auch. Auch die Autofahrer nehmen überraschend Rücksicht und wir sind froh, als der Verkehr ruhiger wird und wir wirklich auf dem Land sind. Das ist öd, grau in grau, braun in braun, staubig. Die Menschen verfolgen uns mit skeptischen Blicken. Velofahrer kommen hier wohl nicht so oft vorbei. Neugierig sind sie aber trotzdem. In den Tante-Emma-Läden wird schon mal mit Händen und Füssen, Brocken von Englisch und Deutsch gefragt : „Woher?“, „Wohin?“, „Oh – das ist aber weit!“. Und fast alle wünschen „Drum Bun“ – Gute Fahrt! Bereits am Mittag haben wir 70km auf dem Tacho. Das Gelände wird immer hügliger und ich bin sehr froh, dass wir so früh losgefahren sind. Die Strassen sind in unerwartet gutem Zustand, mit Bäumen gesäumte Alleen. Es geht auf und ab. Bei mindestens 32°, fast immer in der prallen Sonne, quäle ich mich. Die graue Welt, die Armut, die Sonne, die Hitze, ein bisschen Ungewissheit und Nervosität, das ist am ersten Tag ein bisschen zu viel für mich. Am Nachmittag bin ich total unterzuckert und fühle mich schrecklich. Die Sinnfrage – gleich am ersten Tag! Kann das denn sein? Eigentlich wollten wir noch zum Kloster Dervent. Aber nach 100km beschliessen wir, einen Platz fürs Zelt zu suchen. Wir kaufen Wasser und ein paar Kilometer nach dem Dorf schlagen wir uns in die Büsche und finden ein schönes Plätzchen. Am Abend geht es mir wieder gut und es bleibt während der ganzen Reise auch der einzige Tag, an dem mein Körper rebelliert. War wohl alles ein bisschen viel für den ersten Tag.

12. Juli: Lipnita – Garvan (BG) 77km

Hitze! Schon der 1. Hügel treibt uns den Schweiss überall raus und hin. Nach einem holprigen Start mit einem verkeilten Lenker und Verdacht auf Schleicher erreichen wir um 10.00 Uhr das Kloster. Nein, das wäre gestern doch etwas viel gewesen – nochmal 20 km mit diesen Steigungen hätte ich nicht geschafft. Ausserdem sind wir in den Ferien, da muss man ja nicht rumstressen. Kurz nach dem Kloster sehen wir das 1. Mal die Donau. Sie ist riesig! Wie ein kleines Meer, oder ein grosser See. Die Landschaft in Rumänien wandelt sich und zu dem Grau in Grau kommen Sonnenblumenfelder, Wein und Obst. Übrigens: Fenchelfelder duften fantastisch. Die Sonnenblumenfelder sind irre gross und sehen wunderschön aus. Auch die Menschen werden bunter und freundlicher. Um 11.00 flicken wir den Schleicher, der wirklich ein Schleicher ist. Natürlich an meinem Velo und natürlich am Hinterrad, ist ja klar. Ein feiner, aber sehr fester Stahldraht hat sich durch das Profil gebohrt. Flicken und gut. Weiterfahren, immer noch gut. Schweizer Präzisionsarbeit eben.
Kurz vor Bulgarien (Silistra) verkauft eine junge Frau Nektarinen und Pfirsiche am Wegesrand. Wir wollen zwei Nektarinen kaufen. Die junge Verkäuferin schenkt sie uns, und noch zwei Pfirsiche dazu. Ich bin gerührt. Da haben die Menschen wirklich nur sehr wenig zum Leben und schenken Dir noch etwas.
In Bulgarien dann der Hammer: ein Stück „unbefestigte Strasse“ (so ist es in der Karte eingezeichnet). Die entpuppt sich als richtig cooler MTB-Trail. Mit voll beladenem Reisevelo ist das Vergnügen jedoch etwas weniger gross. Wir nehmen diese sportliche Herausforderung mit viel Humor an. Denn 1. Was bleibt uns anderes übrig? und 2. Wir haben ja Ferien! 2 km lang rappeln und poltern wir den Weg herunter. Zum Glück hat es in letzter Zeit nicht geregnet, dann wäre das hier eine Schlammpiste. Danach schuften wir die Velos wieder 2 km steil den Berg hinauf. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.
Die Landschaft in Bulgarien ist wundervoll. Sanft hügelig, saftig grün, immer wieder spiegelt sich das Ufer in der Donau.
Zur Krönung finden wir am Abend einen traumhaften Platz zum Zelten unter einem Aprikosenbaum und anderen Obstbäumen, auf der einen Seite ein Sonnenblumenfeld, auf der anderen ein Weinberg. Weitblick, denn wir sind auf einer kleinen Anhöhe. Beim Duschen fallen die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf uns. Der Duschsack in Kombination mit der Faltschüssel machen das Outdoorglück perfekt.

13. Juli: Garvan (BG) – Ruse (BG) 102 km

Bereits am frühen Morgen kommt uns auf dem Feldweg, der zu unserem Schlafplatz führte, ein Leiterwagen mit Esel und altem Mann entgegen. Ein Lächeln, ein Ruf, viele Zahnlücken. So sehen hier und auch in Rumänien die meisten älteren Menschen aus. Schwer zu schätzen, wie alt sie wirklich sind. Die Dörfer zeigen das einfache Leben. Viele haben Kartoffeln, Gemüse und manchmal sogar ein Maisstauden in dem Gärtchen vor der Haustür angepflanzt. Hühner, Puten und Gänse rennen frei herum, manchmal sind sie mitten auf der Strasse. Inzwischen verfolgen freundlichere Blicke und Grüsse unseren Weg.
Schon wieder landen wir auf einer unbefestigten Strasse, diesmal einer Sandpiste. Auch die geht wieder ziemlich steil den Berg hinauf. Dann kommt auch noch ein Auto von hinten und wir stehen in einer Staubwolke, hust! Auf der „Passhöhe“ (Jörg nennt jeden höchsten erreichten Punkt eines Hügels so) werden wir von einer Batterie Mähdreschern empfangen, die Spalier stehen. Wir wollen einen Weg links ab nehmen. Die Erntearbeiter sehen das und Brüllen was das Zeug hält „Nein – Geradeaus!!“. Hätten sie nicht interveniert, wir wären auf einem total falschen Weg den ganzen Berg wieder hinab gerollt. Danke! Blagodaria!
Nach weiteren 20 km auf Landstrassen folgt schon wieder ein schier unglaublicher Weg. Ca. 4 km fahren wir durch ein dschungelähnliches Waldstück. Totales Dickicht. Sieht aus, als wäre seit Jahren niemand mehr hier durchgefahren. Stünde nicht wirklich ein Schild dort, wir wären niemals dort lang gefahren. Warum habe ich nur meine Machete daheim gelassen ;-Jörg fährt vor und sammelt alle Spinnenweben ein, mit dem Gesicht J Ich revanchiere mich später, indem ich alle Insektenwolken mit dem Kopf einsammele. Spuck!
Am Abend erreichen wir, nachdem wir am Morgen kaum vom Fleck gekommen sind, doch noch Ruse, die erste Stadt nach drei Tagen. Strassenmusik, Eisverkäufer, Restaurants. Hier halten auch die Donaukreufahrtschiffe.

14. Juli: Ruse (BG) – Svistov (BG) 103 km

Über die sogenannte Brücke der Freundschaft fahren wir auf die rumänische Seite der Donau nach Giorgiu. Dort spulen wir regelrecht Kilometer ab. Wir wollen vorwärts kommen. So schön es in Bulgarien auch ist, die Hügelei ist wirklich anstrengend, vor allem bei der Hitze. Darum ziehen wir die alleeartigen Strassen von Rumänien vor, was für den Geist allerdings sehr ermüdend ist. Immer das gleiche Bild. Und die Orte sind mehr als trostlos. Den Höhepunkt der Trostlosigkeit finden wir in der Stadt Zimnicea, die Ende der 70er Jahre durch ein Erdbeben stark zerstört wurde. Ein wirklicher Wiederaufbau hat nur partiell stattgefunden, teilweise auch nur begonnen und in vielen Fällen gar nicht. Bereits um 15.30 sind wir bei der Fähre angelangt, die aber erst um 17.00 Uhr fährt. Warten im Müll und in der prallen Sonne. Kein Kaffee, kein Lädchen, nix.
Auf der anderen Seite, in Svistov, wollen wir für den Abend einkaufen. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, also heisst es Kraxeln! Unser abendliches Einkaufsritual vor dem Zelten, ist immer ein Schauspiel. Wir kaufen in einem Minilädeli Lebensmittel und Getränke und die obligatorischen 10 Liter Wasser ein, die wir sofort in den Duschsack umfüllen. Das alles wird von den Dorfbewohnern beobachtet und manchmal auch kommentiert. Ich fühle mich immer wie eine Zirkusattraktion. Übrigens: mit 10 Litern Wasser duschen wir, machen abends und morgens den Abwasch und waschen uns am Morgen. Als wir uns häuslich niedergelassen haben, bekommen wir noch Besuch. Schon lange bevor wir den Besucher sehen können, hören wir ihn: Lautes Rufen, fast Schreien, lässt mich sehr aufmerksam werden und meinen Puls in die Höhe schnellen. Es stellt sich heraus, dass es ein Ziegenhirte ist, der seine Herde herumkommandiert. Laut meckernd folgt auch noch ein Zickli – so süss!! Der Ziegenhirte schaut uns kurz an, grüsst und geht weiter. Mein Puls beruhigt sich, jetzt gibt es Znacht.

15. Juli: Svistov (BG) – Bajkal (BG) 101 km

Am Morgen bekommen wir schon wieder Besuch. Ein altes Paar mit Pferdewagen tuckert an unserem Zeltplätzchen vorbei, als wir gerade zusammenräumen. Sie grüssen, freundlich und offensichtlich leicht erstaunt. Am Abend gehen wir „fett“ essen und erst danach suchen wir uns wieder ein hübsches Plätzchen. Wir finden, dass es doch eine gute Idee sei, auf die Anhöhe mit den Windrädern zu gehen. Da gibt doch sicher ein hübsches Plätzli. Weit gefehlt: wir schieben die Räder inkl. 10 Litern Wasser 1,5 km lang den Berg hinauf, ziemlich holprige Angelegenheit. 4 Quadratmeter Ebene zu finden ist echt schwer. Dafür werden mit einer tollen Aussicht in die Donauebene belohnt, aber ohne Donau, die ist ein paar Kilometer von uns entfernt. Übrigens: an dem Tag sehen wir das erste offizielle Hinweisschild zum EuroVelo6-Weg. Nach knapp 500 km. Und bis Serbien ist es auch das letzte Schild.

16. Juli: Bajkal (BG) – Oryahovo (BG) 59 km

Heute machen wir eine kurzen Tag. Ich finde, dass ich einen Pausentag mehr als verdient habe. Bulgariens Hügel fordern ihren Tribut und das ewige hoch und runter bei der Hitze zehrt langsam. Wir nehmen Oryahovo – Jörg tauft es Ohio – als Ziel vor, denn dort sollten wir ein Hotel finden. Heute ist es noch heisser als an den Tagen vorher und nachdem wir falsch abgebogen sind und einen steilen Hügel erst runterfahren, um ihn dann wieder hochzufahren (ich schiebe), ist meine Laune nicht mehr die beste. Das Hotel zu finden war schon ein Abenteuer für sich, aber dank freundlicher Hilfe mit Händen und Füssen stehen wir dann endlich im Hotel Central, das aus einem dreistöckigen Treppenhaus und einem verschlossenen Empfang besteht. Niemand da! Ein Herr, der uns beobachtet hat, bittet uns, zu bleiben, der „Administrator“ komme in spätestens einer Stunde. Dieser ist eine resolute Dame, die zeigt und das Zimmer, kassiert das Geld ein und ward nicht mehr gesehen. Das beste Zimmer bekommen wir, mit Klimaanlage. Naja – die funktioniert nicht recht. Dafür haben wir Aussicht auf einen leer stehenden Kummunistenkasten und heisses Wasser – NUR heisses Wasser. In der Nacht sind wir dann froh ein festes Dach über dem Kopf zu haben, denn es gewittert und schüttet wie aus Eimern. Die ganze Nacht lang…

17. Juli: Oryahovo (BG) – Vidin (BG) 115 km

Der Tag beginnt super. Wir rollen in Windeseile den Berg runter und erwischen sofort die Fähre nach Bechet (RO). LKW an LKW fährt auf die Fähre. Wir haben die Poleposition. Und so rollen wir friedlich vor uns hin, durch die Dörfer mit den Pferdewagen und so, heruntergekommen, grau, wie immer. Aber irgendwas hat sich dann doch verändert im Vergleich zu vor 300 km. Irgendwie ist Romänien hier abwechslungsreicher und bunter als noch vor Tagen. Zwischendurch regnet es immer wieder kurz, eine richtige Wohltat. Und es hat ein wenig abgekühlt. Ich freue mich über die Wolken am Himmel und am Nachmittag kauft Jörg mir einen Sack Chips! Was für ein Fest! Nach über 110 km erreichen wir Calafat und per Fähre geht es wieder über die Donau nach Vidin. Hier treffen wir so etwas wie eine Infrastruktur für Reisende an. Also in Makroform sozusagen. Wir finden ein modernes, günstiges Hotel, ein Restaurant, essen sehr fein. Alles gut. Alle glücklich. Hoffentlich bleibt es bewölkt.

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