Dicke Kröten und ein Sportminister

Nächtliche Gesellschaft - Kröte

Zeit zum Durchatmen

Aufregende Tage liegen hinter uns. Und weil so viel passiert ist, werden wir (so kurz wie möglich) doch der Reihe nach berichten.

Auch Schlangen wollen mal duschen

Nachdem wir uns in den Termas erholt, sortiert und frisch organisiert haben, rollen wir nach Salto, wo wir in einer netten AirBnB-Unterkunft bei Gladys und Gianni landen. Sie sind ganz enttäuscht, dass wir nur eine Nacht bleiben.
Beim nächtlichten Toilettengang sehe ich in der Dusche eine Schlange, eine kleine Schlange, etwa so gross wie die Blindschleichen bei uns. Also kein Drama. Natürlich hab ich nachts um drei keine Lust, zu fotografieren, darum gibt es kein Beweisfoto. Jörg kann nach dieser Info fast nicht mehr schlafen 😉 Morgens ist sie aber wieder verschwunden, vermutlich im Abfluss.
Gianni bemerkt später trocken, er schmeisse die Viecher immer rüber in Nachbars Garten. Gefährlich sind sie nicht.

Erst zu wenig Wasser, dann zu viel Wasser

Der Freitag wird heiss. Auf unserer Karte ist eine Tankstelle nach ca. 35 km eingezeichnet. Auf unserer Strecke, ca. 90 km, gibt es sonst nichts. So radeln wir jeder mit 2.2 Liter Wasser los. Gegenwind und die geliebten Hügel machen es nicht leichter, unterwegs gibt es praktisch keinen Schatten. Dort, wo die Tankstelle langsam auftauchen sollte, finden wir … NICHTS. Ein paar Kilometer später treffen wir einige Personen und fragen nach der nächsten Möglichkeit, um unsere Wasservorräte auffüllen zu können. „Der nächste Laden ist 20 km entfernt, die nächste Tankstelle auch. Aber den nächsten Weg rechts rein, dort gibt es frisches Trinkwasser, da ist ein Hof.“ Tatsächlich finden wir den Weg. Bis zu dem Hof ist es aber fast noch mal ein Kilometer. So warte ich in sengender Hitze, mein Hemd auf dem Kopf. Jörg kommt mit 3 Litern grünbräunlichem Wasser zurück. Der erste Auftritt für unseren Wasserfilter. Jörg opfert sich und trinkt das Wasser (dann bekommt nur einer de Schiesser über). Und nach dem Filtern ist das Wasser wirklich klar und geniessbar und er wird nicht krank! Thank heaven!

Der Freitag bleibt uns noch lange im Gedächtnis, denn es geht voller Aufregung weiter. Als wir endlich Belen, unser Ziel für den Tag erreichen, stürmen wir den ersten Almacén, der uns über den Weg läuft. Wir saufen jeder über einen Liter Wasser weg und jeder noch einen halben Liter Sprite. Und wir sind wirklich Gaga im Kopf, nach der Hitze, der Antstrengung und viel zu wenig Wasser. Der Campingplatz liegt am Ende des Dorfes, ca. 1.7 km entfernt. Wir trödeln langsam dorthin. Die Toiletten und Duschen sind geschlossen. Zum Glück gibt es aber einen Wasserhahn. So können wir uns wenigstens waschen und kochen. Wir stellen das Zelt auf und Jörg sagt auf einmal „Wo ist denn mein Topcase?“ (das Topcase ist die Lenkertasche, darin bewahren wir unsere Wertsachen auf). Herzstillstand… Ja… wo hast Du es denn zum letzten Mal gesehen? Hast Du es denn nach dem Almacén noch geöffnet? … Nein – es muss noch dort sein. HOFFENTLICH!!! Jörg rast zurück zu dem Laden und ich warte, unfähig etwas anderes zu tun, als zu beten. Dann kommt die SMS: Es war dort! Puuuuuuh. Noch mal Glück gehabt. Die Besitzer hatten Jörgs Tasche gesehen und haben wie gleich reingenommen zu sich. Sehr lieb!

Während ich mich erholt hab von dem Schreck, bemerke ich, dass dort, wo mein Rad steht und dort, wo das Zelt steht, ziemlich viele Zweige von einem Dornenbusch in der Wiese liegen. Die Dornen stecken sogar in der Sohle meiner Flipflops. Also Jörg zurück kommt piekst ihn eine Dorne sogar durch seine Crocks. Es dämmert schon. Wir beschliessen, das Zelt noch einmal zur Seite zu stellen und suchen die Wiese mit der Stirnlampe ab. Mit den Händen befühlen wir jeden Zentimeter Zeltgrundfläche – und holen eine Menge Dornenzweige raus. Zur Sicherheit legen wir unter unsere Isomatten (die mit Luft gefüllt sind) noch Kleider.

Inzwischen haben wir mega Hunger und immer noch nichts gegessen. Nudeln und Sosse, das muss für heute reichen. Wir bekommen Gesellschaft – tennisballgrosse Kröten hopsen durchs Gras. Sie lassen sich nicht einmal verscheuchen. Dick und bräsig sitzen sie da und machen irgendwie gar nichts. Wir finden sie trotzdem grusig.

Endlich kommen wir in die Waagerechte – völlig erschöpft (also ich). Es ist wahnsinnig drückend und ich bin sicher, dass es ein Gewitter geben wird. So kommt es dann auch. Zunächst mit Wetterleuchten rund um die Bucht. Dann kommen Donner, Sturm und Regen. Mir ist im Zelt überhaupt nicht wohl. Gegen 3:00 Uhr nachts rennen wir unter den Unterstand und harren dort einige Zeit aus. Als der Regen nachlässt und auch das Donnern abnimmt, gehen wir wieder zum Zelt. Die zweite Runde folgt. Wir sind zu erschöpft, um nochmals zu flüchten und Jörg beruhigt mich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich lege mir ein T-Shirt über den Kopf, um die Blitze nicht mehr zu sehen. Wenn ich den Blitz nicht sehe, wird schon nichts passieren. Ein Stossgebet jagt das nächste und irgendwie schlafen wir dann doch noch etwas.
Morgens wartet ein halber Zoo im Vorzelt: Erst ein seltsames Viech, so eine Art Regenwurm mit Beinen und kleinen Greifern, dann sitzt noch eine fette Kröte zwischen meinen Taschen und ein paar Spinnen fanden es im Trocknen auch angenehmer, als im Regen zu stehen. Raus mit Euch! Wir haben Euch nicht bestellt!

Der letzte Tag in Uruguay

Am nächsten Tag, Samstag, fahren wir 70 km im Regen bis kurz vor die Brasilianische Grenze, nach Bella Union. Dort gehen wir ins Hotel. Also „Hotel“. Im ersten Zimmer, das man uns anbietet, steht nach dem Regen Wasser unterm Bett. Im Frühstücksraum steht auch das Wasser. Wir bekommen zum Glück noch ein anderes Zimmer. Dort müssen wir erst mal einen Teil unserer Kleider waschen, die total verdreckt und verschwitzt sind. Essen, schlafen. Schlafen? Das ist auch so ein Kapitel für sich. In der Natur zu übernachten hat den grossen Vorteil, dass es ausser Tiergeräuschen meist herrlich ruhig ist. Die Südamerikaner werden ab 22:00 Uhr erst richtig munter. Gern würden wir uns den Gewohnheiten hier anpassen, aber am Morgen radelt es sich einfach am besten und ist kühl. Und abends um zehn schläft es praktisch von selbst. However – Ohrenstöpsel rein, Fernseher vom Nachbarn und Party vom anderen Nachbarn raus. So geht’s.

Mit Rückenwind durch Brasilien

Sonntag würden wir gern den Palmsonntag heiligen, aber der Rückenwind ist zu verlockend. Nach dem Regentag und dem Sturm auch in dieser Nacht ist es angenehm kühl und wir „rasen“ durch den kleinen Teil Brasilien. 90 km in etwas mehr als 4 Stunden, das ist rekordverdächtig. Besondere Vorkommnisse: Ausreise aus Uruguay. Todo bien. Einreise nach Brasilien. Wo geht’s denn hier zur Stempelstelle?? Und das auch noch auf Portugiesisch. Ja, die ist erst in der nächsten Stadt, sprich in Uruguaiana in 80 km. Klar. Ja dann…

Dort angekommen, trödeln wir mal Richtung Zentrum und überlegen, ob wir wieder auf den Camping im Ort gehen. Aber zuerst brauchen wir einen Einreisestempel, sonst kommen wir nicht weiter nach Argentinien. Wir orientieren uns im GoogleMaps (unser Freund und Helfer). Offenbar sehen wir ziemlich „lost“ aus. Neben uns hält ein weisser BMW, eine echte Seltenheit hier so ein teueres Auto, und der Mann am Steuer bietet uns seine Hilfe an. Wir machen ihm klar, was wir suchen und er sagt: Folgt mir – hier ist es nicht sicher! Ach du meine Güte… Wir düsen hinter dem weissen BMW her, der gute Mann ist der Sportminister der Stadt (oder des Departments) und wird überall freundlich gegrüsst. Am Zoll schleust er uns durch die Formalitäten und erzählt nebenbei, er sei Arzt uns habe gerade einen Radfahrer operiert, der sich bei einem Sturz den Arm gebrochen habe. Ja – auch schön! Jedenfalls bietet er uns noch an, wir könnten im Sportzentrum der Stadt übernachten. Eigentlich würden wir das sogar annehmen, nachdem wir uns vom ersten Schreck erholt haben. Leider gibt es aber eine sprachliche Verwirrung und Zack haben wir schon den Ausreisestempel von Brasilien. Also fahren wir doch noch ein paar Kilometer weiter nach Paso de los Libres in Argentinien.
Die Lust auf Zelten ist uns vergangen und wir gehen ins „Hotel Imperial“. Alles ist verammelt und verriegelt. Das Zimmer ist munzig chli und naja – man schaut besser nicht so genau in die Ecken oder an die schimmelige Decke. Hauptsache „seguro“.

Und die Moral von der Geschicht…

  • Verlasse Dich nie auf Strassenkarten
  • Hab immer zwei Liter Wasser mehr an Bord (der arme Jörg schleppt das Zusatzgewicht)
  • Viele Menschen sind ehrlich und hilfsbereit
  • Halte nicht im Randbereich von Städten, sondern fahre ins Zentrum
  • Zelte nicht in der Stadt, auch wenn es einen Campingplatz hat
  • Es gibt immer eine Lösung
  • Menschen wie der Herr Sportminister sorgen sich um Dich und helfen Dir

Übrigens – an den Grenzen sind wir jedesmal die Attraktion. Neugierige Blicke – die Männer wollen die Räder genau begutachten. Immer die gleichen Fragen „Woher kommt Ihr?“, „Wieviel Kilometer fahrt Ihr am Tag?“, „Wo wollt Ihr hin?“. Kopfschütteln, Verwunderung aber auch immer viele gute Wünsche, Daumen hoch und Anerkennung.

Erholung in der Posada San Carlos

Heute erholen wir uns in der Posada San Carlos del Guarivari und Patricio erzählt uns immer wieder interessante Dinge über Argentinien. Offenbar ist er froh, ausser seinen fünf Hunden etwas menschliche Gesellschaft zu haben. Das Gästehaus ist erst wieder zum Osterwochenende belegt.

Unser Weg

 

6 Kommentare bei „Dicke Kröten und ein Sportminister“

  1. Ihr Lieben, abenteuerlich, aufregend, spannend und offensichtlich nicht immer komfortabel. Passt bei allem Abenteurer auch gut auf Euch auf. Geniesst die tolle Zeit und lasst uns weiter teilhaben.
    Alles Liebe für Euch aus Bielefeld
    von Ute und Heiko

    1. Danke für Eure lieben Zeilen, Ihr Zwei. Schön, dass Ihr uns online begleitet.
      J & C

  2. Liebe Carmen, lieber Jörg
    Ganz lieben Dank für euren road report.
    Wir „verfolgen“ euch mit grossem Interesse und wünschen euch weiterhin eine Super Zeit mit vielen eindrücklichen Ereignissen.
    Wir wünschen euch viel Engelschutz und gutmütige Sportminister.
    gerne mit euch verbunden und herzliche Grüsse
    Hedy und Rolf

    1. 🙂 Lieber Rolf – wir haben herzlich gelacht über Deinen Kommentar und uns sehr über Eure Grüsse gefreut.
      Ganz liebe Grüsse und ein schönes Osterfest.
      Liebe Grüsse, C & J

  3. Hallo ihr Lieben, danke für euren Bericht. Es ist ja wohl sicher recht abenteuerlich. Wenn ich euer Gepäck sehe, stelle ich mir vor wie schwer eure Räder sind. Ihr hättet euch in dem kleinen Brasilienabschnitt einen „atrelado“ kaufen sollen.
    Ich wünsche euch eine gute Weiterreise und bleibt schön gesund! Euer Dieter

    1. Lieber Lieblingsonkel
      ein bisschen schwer sind sie schon. Oh, mit „atrelado“ hätten wir wahrscheinlich noch mehr Zeug dabei…
      Danke für Deine treuen Grüsse

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