Der Kreis schliesst sich – Warum schnell, wenn’s auch langsam geht?

Also nehmen wir den Zug.

Abschied nehmen

Brasilien und vor allem Rio hat unser super gefallen, trotz der krassen Diskrepanz zwischen arm und reich, was zu speziellen Reiseerlebnissen führte. (Wir berichteten darüber Die Licht- und Schattenseiten Brasiliens) . Ausserdem hat Andreas grossartig dazu beigetragen, dass wir noch eine tolle Zeit in Rio de Janeiro hatten.

Dienstag morgen hatten wir noch Zeit, um gemütlich zu frühstücken, in Ruhe zu packen. Die Damen, die bei Andreas arbeiten, bekamen einige Kleider und Kleinigkeiten, um diese entweder zu behalten oder weiter zu verschenken. Besonderes Entzücken riefen Nagellack und Co hervor – so herzig die Mädels! Küsse, Umarmungen!

Auf zum International Airport Galeão

Um 15:00 Uhr kam Stefano, „unser“ Fahrer. Mit grosser Sorgfalt banden die Männer ein Velo auf dem Dach des Autos fest. Der Rest kam ins Auto. Wir waren überpünktlich am Flughafen. Check-in ohne weitere Komplikationen. Das ist mit Fahrrädern gar nicht selbstverständlich. Dann gönnten wir uns noch einen letzten Caipi. Hmmmmmm… Völlig überteuert, aber egal! Einfach lecker!

Der Flug nach Frankfurt war fast pünktlich und wir haben sogar etwas geschlafen. Aber dann… warum sollte es denn nach Plan laufen? Auf ein paar Stunden mehr oder weniger kommt es ja nicht an nach drei Monaten 🙂

Nach der Landung spuckte mein Handy die Nachricht aus: „We apologize that your flight LH1196 FRA-ZRH…. has been cancelled.“ – Hääääh???? Cancelled? Geht’s noch? Das glaub ich jetzt ja nicht. – Zwei Minuten später: „We had change your booking to flight LH1198 FRA-ZRH… Get your new boarding pass.“ – Ja also gut – das ist ja kein Problem. Zwei Stunden später. Dann müssen wir nicht so hetzen.

Also holten wir uns neue Boardingpässe und gingen erst mal einen Kaffee trinken. Auf einmal BING!! „We apologize that your flight LH1198 FRA-ZRH…. has been cancelled.“ Entschuldigung – was ist da los? Und der Flug auf der Anzeigetafel unauffindbar – nicht mal als cancelled vermerkt. Inzwischen war es ca. 16:00 Uhr. Also nix wie zum Service-Center. Da ist die Schlange – aber wo ist das Ende??? Eeeeeeendloooos weit hinten. Das muss ein Witz sein.

Eine Schlange am Flughafen Frankfurt

Erst mal stellten wir uns brav an. Dann telefonierten wir mit Roman, der von Job wegen immer ganz nah dran ist an den News. Er leitete uns diese Meldung weiter: „Eine Störung des IT-Systems des Flughafenbetreibers Fraport hat zu Flugstreichungen bei der Lufthansa am Hauptstandort Frankfurt geführt. Bis zum Mittag seien 23 Flüge ausgefallen, wovon mehr als 2600 Fluggäste getroffen gewesen seien, teilte die Lufthansa …mit. “ Und wir mittendrin!!! Na toll!

Ich erkundigte mich bei einem schweissgebadeten Mitarbeiter, der die Schlange der Wartenden zu bändigen versuchte, wie es denn weitergehe. Er sah mir freundlich und tief in die Augen und sagte ganz leise: „Heute geht kein Flug mehr nach Zürich.“ Ich wackelte zurück zu Jörg, der ja unseren Warteplatz verteidigen musste. Optionen? Eine Nacht im Hotel? Am Flughafen schlafen? Mietauto? Flixbus? Bahn? – Bahn! Diese Option gefiel uns am besten und wenn wir bis um ca. 19:00 Uhr noch einen Zug erwischten, könnten wir noch am selben Tag unser Heim erreichen. Aber bei der laaaaaangen Schlange? Der Meister der Hochrechnung beobachtete, wie lange die Bearbeitung eines Falles dauerte. Ergebnis: Ca. 10 Minuten. Klar – bis individuelle Lösungen gefunden werden, geht das schon mal ein Weilchen. Warten kam nicht in Frage, einen Zug würden wir dann nicht mehr erwischen. Da wir nun aber genau wussten, wie wir weiter reisen wollten, versuchte ich mein Glück noch mal bei dem eifrigen Schlangenbändiger. Mit Augenklimpern und äusserst verbindlicher Freundlichkeit gelang es mir, tatsächlich direkt nach vorne vorgelassen zu werden. Noch zwei Personen vor mir. Hammer. Ich winkte Jörg, ich brauchte ja noch seine Unterlagen. Jörg kam in den Wartebereich geschlichen. Wir waren bei einer Service-Mitarbeiterin. Ich konnte es kaum glauben. Sie sagte „Ich bin total froh, dass Sie von sich aus den Zug nehmen wollen. Das kommt fast nie vor.“ Während Sie uns verarztete, rastete neben uns ein wütender Tscheche aus, der unsere Aktion beobachtet hatte. Ehrlicherweise muss ich sagen: Er hatte natürlich recht. Wobei ich seine Reaktion doch etwas übertrieben fand. Er schrie: „I wanna speak to the Supervisor!“ Lustigerweise sagte der Servicemitarbeiter ganz cool: „I am the Supervisor. And if you didn’t come down, we will not serve you.“

Ab zum Bahnhof

Um es kurz zu machen: Wir erhielten einen Gutschein für ein Zugticket. Zuerst mussten wir aber noch einen Nachsendeantrag stellen, damit unser Gepäck nach Hause geschickt würde. Anschliessend mussten wir ins Reisecenter der Deutschen Bahn, was manchmal ebenfalls ein Abenteuer sein kann. Es lief aber alles wie am Schnürchen. Dann noch in den Supermarkt, ein Picknick für unterwegs kaufen und noch schnell ins Kiosk, eine Zeitschrift kaufen. Oh shit… keine Euros. Uruguayische Pesos, Brasilianische Real, Dollar, Schweizer Franken. „Sie können auch mit Dollar bezahlen!“ – „Was jetzt? Ist das Ihr Ernst?“ – „Ja! Seit ich hier arbeite, warte ich darauf, dass jemand mit Dollar bezahlen möchte!“ . Ich schmeiss mich weg – ich zahle in Frankfurt ein Bike-Heft mit Dollar 🙂

Im Zug ging es lustig weiter. Ich setzte mich und sagte wohl so etwas wie: „Eigentlich sollte ich jetzt im Flieger nach Zürich sitzen.“. Der freundliche Herr neben mir lachte mich verschmitzt an und sagte: „Ja, Sie könnten ja mit dem Fahrrad fahren!“ – „Entschuldigung? Wissen Sie, wo ich gerade her komme?“ … und schon waren wir mitten in einem herzlichen Gespräch und haben viel gelacht. Begegnungen können überall auf der Welt herzerfrischend sein.

Um 23:00 Uhr holte uns unser Schatz von einer Nachbarin, die Yvonne, am Bahnhof von Lenzburg ab. Wir hätten auch in den Bus steigen können, der fast bis vor unsere Haustür fährt. Aber Yvonne kam und ich war so froh, sie zu sehen, sie zu umarmen und doch noch von jemandem empfangen zu werden.

Endlich daheim

Daheim inspizierten wir zunächst unser Haus, das die letzten drei Monate von einem jungen Mann (20) gehütet wurde. Vor allem hat er sich hervorragend um unseren Kater Puma gekümmert, der rundum gesund ist. Das ist für uns das wichtigste. Tim hat es gut gefallen bei uns und das hat er mit vielen Freunden geteilt, so dass unser Haus mal richtig genutzt wurde 😉

Am Donnerstag trudelte unser Gepäck ein, am Freitag unsere Velos. Wie praktisch. Zumindest darum mussten wir uns nicht mehr kümmern.

Gestern mittag kam die gesamte Family zu uns und wir sassen bis am frühen Abend zusammen, um das neueste von ihnen zu erfahren und natürlich, um einige Erlebnisse zu teilen. Roman und seine Freundin Sandra brachten „ein wenig“ Post. Wir durften unsere Briefe an sie weiterleiten lassen und ich benötigte am Abend zwei Stunden, um alles zu öffnen und zu sortieren. Bis wir alle Zeitschriften und Infos gelesen haben, werden wohl noch Tage vergehen.

Der Kreis schliesst sich also: Schnell waren wir nicht daheim, so wie wir ja auf der Hinreise schon viel Geduld haben mussten Anreise nach Montevideo – warum schnell, wenn es auch langsam geht? Interessante Begegnungen hat man nicht, wenn es nach Plan läuft. Und besonders in Erinnerung bleibt, was schief läuft.  Und so werden wir uns noch eine Weile an diese Rückreise erinnern. Und irgendwie hatten wir ja mal wieder Glück im Unglück.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Wir danken unseren LeserInnen und virtuellen/mentalen Begleiterinnen und Begleitern für ALLES! Ihr seid grossartig. Wenn Ihr möchtet, nehmen wir Euch auf die nächste Reise wieder mit!

 

 

 

 

8 Kommentare bei „Der Kreis schliesst sich – Warum schnell, wenn’s auch langsam geht?“

  1. Liebe Carmen, lieber Jörg,
    es war toll, eure spannende Reise über diesen Blog mitverfolgen zu können, vielen Dank dafür!
    Kommt wieder gut an und nehmt etwas von der Gelassenheit, die man in diesen Ländern braucht, mit in euren Alltag.
    Viele Grüße aus B,
    Carina

    1. Liebe Carina
      Danke für die aktive „Verfolgung“. Ja, die Gelassenheit versuchen wir uns zu bewahren. Öfter mal „mañana“ sagen, kann gar nicht schaden 😉
      GlG
      C&J

  2. Edith und Daniel sagt: Antworten

    Liebe Carmen, lieba Jörg
    mer si glücklich, daß er wieder in der Gemeinde angekommen seid.
    Ganz liebe Grüsse
    Edith und Daniel

    1. Liebe Edith & Dani
      Danke, dass Ihr da seid. Schön, dass wir wieder zusammen sind!
      LG, C&J

  3. Dieter Schelp sagt: Antworten

    Tach unsere Lieben,
    auch wir freuen uns, dass ihr gut und langsam euer Zuhause wieder erreicht habt. Habt ihr denn eurem Puma auch etwas von eurer Reise mitgebracht, etwa eine getrocknete Maus oder ähnliches?
    Nun lebt euch erstmal gut wieder ein (lt. Foto ist Jörg ja schon dabei).
    Herzliche Grüße eure Christiane und Dieter.

    1. Lieber Dieter
      Nein, der Puma ist ein verwöhntes Viech und rührt nichts an, was er nicht kennt.
      Ja, schon wieder voll im Trott… 🙁
      Grüsse an Euch
      C&J

  4. Freue mich sehr, dass ihr wieder zurück seid und freue mich auf ein Wiedersehen. Danke für den schönen Reisebericht, den ich immer mit Spannung mitverfolgt hab – auch wenn es manchmal ein besonderes Gebet brauchte. Schön, dass es auch dem Büsi gut geht. Hatte ja eine super Betreuung. blg Lilo

    1. Liebe Lilo
      Danke – wir freuen uns auch 🙂 Hat alles super geklappt! Und sonst hätten wir ja noch einen Büsi-Joker gehabt 🙂
      LG, Carmen

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